Antikes Vorbild: Xenophons Grundsätze zur Pferdeausbildung
18. März 2008 | Von Janina | Kategorie: Mensch und Pferd, Pferdesport
Xenophon hat in der Antike vor 2000 Jahren Pferde ausgebildet. Seine Grundsätze sind zeitlos gültig. Damals hatten die Menschen noch dauerhaften Bezug zum Pferd. Das Leben mit dem Pferd war in der Antike nicht wie heute auf die Freizeit reduziert. Umso mehr muss der Mensch heute seine Haltung zu seinem Pferd reflektieren.
1. Dein Pferd sei zuverlässiger Freund, nicht Sklave!
Was das heißt, liegt auf der Hand: Das Pferd bedarf seinem Naturell nach der Führung. Es ist kein Sportgerät.
2. Widme seiner Ausbildung so viel Aufmerksamkeit, als ginge es um deinen eigenen Sohn. Achte darauf, dass Körper und Seele deines Pferdes sorgfältig geschult werden. Es soll sich durch Leistungsvermögen und Zuverlässigkeit auszeichnen. Seine charakteristische Prägung und Formung sei dir besonders wichtig! Präge es von seinen ersten Lebenstagen an so, dass es zu dir tiefes Vertrauen fasst, dich respektiert und dir gehorcht. Mache dein Pferd menschenfreundlich! Es soll dich geradezu lieben.
Das Pferd wird dann menschenfreundlich, wenn der Führende sich auch mit den richtigen Führungsqualitäten qualifiziert. Das sind vor allem Verlässlichkeit, Konsequenz ohne Überforderung, Freundlichkeit.
3. Bringe es zu Arbeitsfreude und freiwilligem Gehorsam!
Wir Menschen sind in der Lage unseren Verstand zu nutzen. Das sollten wir dann auch tun. Bei der Arbeit mit dem Pferd macht es durchaus Sinn, in der Lernphase alle positiven Fortschritte zu belohnen und Misserfolge zu ignorieren. Wenn man es dann noch schafft, mit einem guten Ergebnis, die Arbeit zu beenden, statt dann noch weiterzumachen, dann ist dieser Punkt optimal erfüllt.
4. Sei achtsam und nimm auf seine Bedürfnisse Rücksicht!
Wenn wir unser Pferd in dunklen Boxen halten und sie zu wenig beschäftigen, dürfen wir uns über Verhaltensauffälligkeiten nicht wundern. Diese werden oft mit Mittelchen – oft erfolglos – bekämpft, statt die Ursache zu beseitigen. Ein Pferd das z.B. webt oder koppt, gerhört nicht in einen Koppriemen eingespannt, sondern mehr beschäftigt, bzw. in Lauf- oder Offenstallhaltung. Leider wird das gerade in solchen Fällen sehr oft nicht umgesetzt.
5. Setze alles daran, dich deinem Pferd verständlich mitzuteilen. Es soll deine “Sprache” verstehen! Belohnung und Strafe sind die einzigen Erziehungsmittel. Aber Belohnung hat unbedingt den Vorrang. Belohne jede besondere Leistung und jeden Ausbildungsfortschritt – am besten, indem du ihm eine Pause gönnst oder die Arbeit beendest.
Das ist für mich der Allerwichtigste Punkt bei jeder Art von Beschäftigung mit dem Pferd.
6. Langweile dein Pferd nicht! Variiere die Arbeit, biete ihm unterschiedliche Anregungen. Reit es nicht nur in der Bahn, trainiere es im Gelände, beim Springen und auf der Jagd.
Es muss ja nicht immer gleich die Jagd sein. Es gibt auch andere Dinge der Abwechslung neben der Dressur- oder Springausbildung: Ruhige Ausritte, Bodenarbeit, Zirkuslektionen, um nur einiges zu nennen. (Ein Dressur- oder Springpferd, das zum Beispiel im Gelände nicht sicher geritten werden kann, hat auch auf dem Turnier nichts zu suchen.)
7. Arbeite an deiner eigenen körperlichen und charakterlichen Schulung! Bemühe dich um einen korrekten, von der Bewegung des Pferdes unabhängigen Sitz, der dir bei jeder Übung, jedem Tempo und in jedem Gelände ein kontrolliertes Einwirken auf das Pferd ermöglicht. Deine Hand darf unter keinen Umständen das Pferd im maul stören. Erziehe dich dazu, in jedem Fall Ruhe zu bewahren und deine Emotionen zu kontrollieren. Gib Zornausbrüchen keinen Raum.
Besonders der letzte Punkt ist besonders wichtig. Wenn man schlecht gelaunt ist, steigt man am besten nicht auf’s Pferd.
8. Mach dir klar, dass die Lektionen der höheren Dressur keine Kunststücke sind, die du deinem Pferd mit Hilfe unnatürlicher Zwangsmittel beibringen kannst. Sie sind Formen der imponierenden Selbstdarstellung des Pferdes, die es in besonderen Erregungszuständen vor seinen Artgenossen von sich aus zeigt.
Man muss sich das zwar wirklich klar machen, doch muss das Pferd erst mal wissen, was es tun soll. Hier stellt sich die Frage, was nach dieser Definition Zwangsmittel sind.
9. Versuche nicht, dein Pferd durch stark rückwärts wirkende Zügeltätigkeit oder andere Zwangsmittel zu versammeln und aufzurichten. Reite bestimmt vorwärts bei leicht anstehendem, im entscheidenden Moment nachgebendem oder hingegebenem Zügel.
Für Anfänger ist nicht immer klar, was die entscheidenden Momente sind. Das wird immer deutlicher, je mehr Erfahrung man mit einem guten Pferd sammeln kann. Auf Pferden, die sich aus verschiedenen Gründen nicht anbieten (können), bleibt das schwierig.



Schön, dass Sie Xenophons Ausbildungsgrundsätze verbreiten helfen. Sie sind ja immer noch wichtig. Es wäre schön, wenn Sie die Quelle angeben würden, zumal es sich bei diesen Grundsätzen um Ergebnisse intensiver Interpretation, nicht um Originalformulierungen Xenophons handelt. Sie finden die zehn xenophontischen Grundsätze in meinem 2007 im Wu Wei Verlag erschienenen Buch “Xenophon – Reitkunst”.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Klaus Widdra.
p.s.: Ich wäre durchaus interessiert, mit Ihnen über diese Grundsätze in ein intensives Gespräch zu kommen.
@ Dr. Klaus Widdra: Dieser Beitrag stammt nicht von mir selbst (Astrid). Den Artikel hat die Userin “Janina” auf meine Bitte hin zusammengefasst und zur Verfügung gestellt. Sie ist freie Journalistin und hat ihn vor längerer Zeit in viel ausführlicherer Form in einer Pferdezeitschrift veröffentlicht. Ich selbst habe lediglich meine eigenen Gedanken zu den einzelnen Punkten hinzugefügt, die mir dazu spontan in den Sinn kamen. Ich beschäftige mich auch sehr, sehr viel ganz praktisch mit dem Pferd und dessen Ausbildung, wie man an den Inhalten der Website erkennen kann.
Zugegeben: Ihr Buch habe ich leider noch nicht gelesen, obwohl es bspw. kaum ein Buch, eine Studie oder eine Dokumentation über das Verhalten von Pferden geben sollte, die an mir vorbeigegangen sein sollte.
Die genannten Grundsätze (fett formatierter Text oben) werden ja an vielen Stellen zitiert, (evtl. wie Sie schreiben, wird evtl. vereinfacht bzw. umformuliert, oft fehlt leider auch die Quellenangabe). So bin ich ursprünglich ja auch auf das Thema gestoßen – Nicht ohne Grund werden Xenophons Grundsätze weiter verbreitet, wenn auch nicht 1:1 dem “O-Ton” entsprechend! Ich finde sie viel zweckmäßiger und vor allem praktikabler als die vielen Ausführungen von manchen selbsternannten “Pferde-Gurus” der heutigen Zeit.
Spätestens sobald ich Ihr Buch (zu und rund um Xenophons Grundsätze) gelesen habe und die Abweichungen zum Text oben erkannt habe, möchte ich (oder so vermute ich, möchten wir uns) gerne auch mit Ihnen über dieses Thema austauschen.
Vielen Dank an dieser Stelle für den Kommentar.
Prima,
durchaus in meinem Sinn!
Beste Grüße
Klaus Widdra