Immer wieder in der Diskussion: Die richtige Reitlehre
27. August 2009 | Von Astrid | Kategorie: Dressurreiten, Freizeitreitsport, Hauptartikel, Westernreiten


Besonders in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten lese ich in den einschlägigen Pferdefachzeitschriften immer wieder Berichte und Diskussionen um die richtige Reitlehre. Gerade die englische Reitlehre wird dabei regelmäßig in Frage gestellt, und das, obwohl sie hervorragend funktioniert. Das wurde oft genug bewiesen, denn Deutschland hat zusammen mit den Niederlanden immerhin die besten englisch gerittenen Dressurpferde auf der Welt.
Momentan wird uns die französchische Reitkunst von Baucher, Legerete oder Philippe Karl wieder vermehrt als die allein Seligmachende verkauft. Schon morgen ist es erfahrungsgemäß wieder irgend eine andere. Immer wieder frage ich mich, warum das so sein muss. Wozu braucht man diese Modetrends?
Für mich gibt es im Grunde nur eine richtige Reitweise und das ist die, die für das jeweilige Pferd funktioniert. Bei den Westernpferden und den kompakten Pferdetypen ist das in der Regel die, die auf die Gebrauchreiterei, das Westernreiten zurückgeht und bei den großrahmigen Warmblütern eher die englische Reitweise. Das Ziel jeder Reiterei ist ohnehin dasselbe. Wir wollen alle auf einem willigen, fleißigen, durchlässigen Pferd sitzen, das sich im Rahmen seiner Möglichkeiten selbst trägt.
Während Francois Baucher darauf Wert legte nur mit der Hand ohne Bein auf das Pferd einzuwirken oder umgekehrt und das “Ziehen” des Pferdes aus der Hinterhand als nicht so wichtig einstufte, reitet man in der englischen Reitweise mit all diesen Hilfen nebeneinander bzw. parallel und sieht den Schub aus der Hinterhand als notwendige Voraussetzung für jede Art der Versammlung an.
Was ich gerade oft beobachte ist eine als französisch titulierte Reiterei mit “Fahrleinen” und hoher Hand, die das Pferd dressiert aber nicht gymnastiziert. Etlichen Pferden, die ich von früher her kennne, hat man so ihren enormen Raumgriff und Schwung weggeritten, gerade im Trab. Allerdings kann man als Westernreiter oder Dressurreiter genau dieselben Fehler machen, nämlich dann, wenn man selbst nicht die Erfahrung, den Sitz oder nicht die richtige Geisteshaltung mitbringt. Häufig zu sehen ist dort auch die ständige und übertriebene Einwirkung über das Gebiss auf das Pferd.
Dabei muss man noch eins bedenken: Pferde, die im Exterieur gewisse Mängel aufweisen, z.B. einen kurzen tief angestezten Hals oder Überbauung der Hinterhand usw. werden mit keiner Reitweise wirklich gute Dressurpferde werden. Mit solchen geht man man am besten ins Gelände und oder reitet Trails und gymnastiziert sie jeweils nur leicht aber regelmäßig. So sind Pferd und Reiter dann in jedem Fall glücklicher zusammen.
Das feine Reiten ist für mich nicht an eine Lehre gebunden, sondern an ein dazu geeignetes Pferd und die Fähgkeit jede Lehre kritisch zu hinterfragen. Schlimm ist es, sobald eine bestimmte Reitlehre zum Königsweg erklärt, zu einer Ideologie empor gehoben wird.
Hier ein paar Unterschiede zwischen der englischen Reitlehre der FN und die der genannten Franzosen. Der augenscheinlichste Unterschied ist wohl, dass die Französische Lehre immer nur einzelne Partien des Pferdes betrachtet und die FN-Lehre das ganze Pferd im Blick behält, genau wie es bei der Westernreiterei im Grunde auch ist:
Englische Reitweise:
- Eine hohe oder zu tiefe Hand ist nicht gewünscht. Unteram und Zügel laufen auf gerader Linie. Aufrichtende, nach oben weisende Zügelhilfen nur, wenn sich das Pferd auf die Hand legt.
- Treibende Hilfen kommen als kurzer Impuls. Fühlt sich das Pferd wohl, wird es selbst den Weg nach Vorne suchen.
- Wichtig: Ausbildungsskala: Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichten und dann erst Versammlung ebnen den Weg für alles folgende.
- Die Maultätigkeit ergibt sich aus der Gymnastizierung des Pferdes.
- Die Balane wird durch die gymnastizierende Arbeit verbessert.
- Das Pferd wird von hinten nach vorne an die elastische Anlehnung herangetrieben, so dass es Vertrauen zur Reiterhand bekommt und willig vorwärts geht.
Französische Reitweise:
- Es wird (vor allem innen) mit hoher Hand geritten, damit das Pferd sich lockert und die Zügelhilfe auf den Maulwinkel statt auf die Zunge wirkt.
- Hilfen werden nur genutzt, um das Pferd zu einer bestimmten Verhaltensänderung zu bewegen.
- Hier ist nicht die Ausbildungsskala wichtig, sondern Entspannung, Gleichgewicht und das Reagieren auf die Hilfengebung. Der Takt ist hier keine Grundlage, sondern entwickelt sich aus der Entspannung des Unterkiefers und dem hierbei entstehenden Gleichgewicht des Pferdes.
- Das Kauen des Pferdes wird im Stand hergestellt. Erst die Balance im Stand, dann in der Bewegung.
- Kein paraller Einsatz in der Einwirkung durch Hand und Bein, damit kein Widerspruch für das Pferd entsteht.



Ich nehme bei einem Reitlehrer Stunden, der über verschiedene Reitstile zur Klassik gekommen ist. Seine Erkenntnis daraus ist, dass es nicht so wichtig ist, wie der Reitstil heißt und wie die Ausrüstung aussieht, sondern, dass es dem Pferd und dem Reiter gut geht dabei. Und zwar dauerhaft. Und dafür ist die Dressur (im Sinne von Gymnastizierung) unersetzlich. Es geht ja nicht darum Lektionen abzuspulen, sondern darum das Pferd zu lockern, rittig zu halten, in die Balance (physisch und psychisch) zu bringen. Eine gründliche Ausbildung, egal welcher Reitweise ist grundsätzlich immer ähnlich, auch wenn es Übungen gibt, die es nur in einer Reitweise gibt. Es gehören nämlich immer die Beherrschung der Grundgangarten, Biegungen und Seitengänge zu einer fundierten Ausbildung dazu(auch für ein reines Geländepferd). Die Frage ist nur ob sich ein Ausbilder die Mühe gibt, oder ob er nur “Turnierkracher” (Das kommt in allen Reitweisen vor) heranzieht.
Ich finde es schade, dass hier die französische Klassik so reduziert wird. Erstens gehört der Takt auch zu den Grundlagen, in der Klassik sagt man nur eher, dass Takt, Losgelassenheit und Balance sich gegenseitig bedingen, als dass man von einer Skala spricht. Auch ist ein zentrales Ziel der Klassik der Komfort für den Reiter und das Pferd, was sich gegenseitig bedingt. Und darin ähneln sich alle Reitweisen, wenn sie ernsthaft, aber mit Spaß betrieben werden. Das Ziel ist gleich, nur der Weg verschieden.
Übrigens: Die hier (wie so oft) als “englische Reitweise” bezeichnete Reitweise heißt eigentlich “deutsche Reitweise”. Der Begriff “englische Reitweise” entstand erst relativ spät in den USA um die Reitweise der Cowboys (Western) von der Reitweise der Engländer zu unterscheiden.
Da kann ich meinem Vorredner nur zustimmen. Ich kenne viele Reitlehrer und jeder pflegt seinen eigenen Stil oder hat eine eigene Philosophie vom Reiten. Aber letztlich zählt doch, dass Pferde und Reiter sich wohl fühlen.
Letztlich ist es aus meiner Sicht gleich, welche Reitweise man bevorzugt, solange sie dem Wohl des Pferdes dient. Es liegt in der Verantwortung des Reiters bzw. des Menschen, die Gesundheit des Pferdes zu erhalten und es über die Arbeit noch schöner zu machen. Auch die Boden- und Handarbeit mit dem Pferd gehört zum Training dazu und ergänzt jede der unterschiedlichen Reitweisen. Interessantes über Bodenarbeit habe ich hier gefunden: http://www.mehrpferd.de/Detailed/1.html